Zum Hauptinhalt springen

Ein Leben für den Hochseesport

Gerd Trulsen hat den Hamburgischen Verein Seefahrt über Jahrzehnte geprägt. Beim German Offshore Award wurde sein Lebenswerk nun gewürdigt — mit dem Lifetime Award und einer Laudatio von Tobias König.

Gerd Trulsen gehört seit 56 Jahren dem Vorstand des Hamburgischen Verein Seefahrt an — seit 1997 als Ehrenvorsitzender, davor 21 Jahre als Vorsitzender. In dieser Zeit richtete er den Verein strategisch aus, modernisierte die Flotte und wahrte dabei die Tradition des HVS. Er vertrat den Verein auf internationalem Parkett und pflegte das Netzwerk zu anderen traditionsreichen Segelclubs weltweit. 22 erfolgreiche Ozeanüberquerungen der HVS-Yachten fielen allein in seine Amtszeit.

 

Trulsen, so Tobias König in seiner Laudatio, stellte sicher, dass junge Crews auf Vereinsyachten wie der „Störtebeker", der „Haspa Hamburg" und der „Ortac" an internationalen Regatten teilnehmen konnten, die Finanzierung organisierte er über sein Netzwerk in der maritimen Wirtschaft. Ende der 1980er Jahre öffnete er den HVS für Mitglieder anderer namhafter Vereine, trieb die gezielte Mitgliedergewinnung voran und ließ Frauen an Bord zu. 1983 gründete er die Schifffahrtsregatta mit — heute mit über 125 Yachten eine feste Größe im NRV Regattakalender. Nach dem Ende seines aktiven Vorsitzes schrieb er die Vereinschronik zum 100. Jubiläum, die 2003 als rund 200-seitiger Bildband erschien.

 

Als Ehrenvorsitzender zog er sich nicht zurück. Er liest bis heute jedes Protokoll und hinterfragt kritische Punkte. Trulsen ist in diesem Jahr fast 100 Jahre alt. Er segelt noch. Menschen, die über Jahrzehnte so konstant gestalten, so wenig Aufhebens darum machen und dabei so viel bewegen — die sind selten. Dafür sind sie als Vorbilder umso wichtiger.

 

König kennt Trulsen seit seiner Lehrzeit 1982 — damals war Trulsen einer der Chefs. Die Laudatio war persönlich: König schilderte Trulsen als „blitzschnell im Denken und messerscharf im Formulieren", jemanden, mit dem man sich gut vorbereiten musste. Er zog eine klare Bilanz: „Kein anderer in der Geschichte dieses Vereins gehört seit 56 Jahren dem Vorstand an und hat in vergleichbarer Form die vorausschauende Entwicklung der Hochsee-Segelausbildung auf den Schiffen des Verein Seefahrt gesteuert." Den Schlusspunkt setzte König mit einem Zitat von Schotti - Vorstand der German Offshore Association: „Gerd ist für mich der absolute Erfolg durch Schweigen und Handeln. Und alles nur mit legendärem Minibuch und kleinem Bleistift für große Summen."

 

Den Wehring & Wolfes Jugendpreis erhielt das J/70-Bundesliga-Juniorenteam des NRV, das in den vergangenen Jahren bei der Junioren-Segelbundesliga und der IDM J/70 erfolgreich war. Das Projekt richtet sich an junge Segler, die von den Jollenklassen auf schnelle Regattayachten wechseln wollen.

 

Den Hauptpreis des Abends, den German Offshore Award für die beste deutsche Hochseeyacht 2025, erhielt die Farr 42 „X-Day" für den achten Platz im Rolex Fastnet Race.

 

Neben der „X-Day“ war unter anderen auch die Swan 441 „Best Buddies“ (Norddeutscher Regatta Verein/ Royal Ocean Racing Club)) von Kay-Johannes Wrede und Susann Eggers-Wrede für den ersten Platz beim Aegean 600 für den Preis nominiert.

 

German Offshore Awards

 

Laudatio von Tobias König

Gerd Trulsen – Ehrung für sein Lebenswerk

 

Hamburg, Kaisersaal, 13. März 2026

 

 

Sehr geehrter Herr Staatsrat Holstein,

 

Sehr geehrte Commodores,

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

Es ist mir eine Ehre, dass ich als Vorsitzender des Norddeutschen Regatta Vereins hier im Kaisersaal die Laudatio auf eine Persönlichkeit halten darf, die nicht nur ein langjähriges Mitglied des NRV ist, die ich selbst schon seit vielen Jahren kenne, sehr schätze und respektiere und den Segelsport in besonderer Weise gefördert hat. Und ich freue mich sehr, dass diese Persönlichkeit von der Jury in diesem Jahr auserwählt worden ist und für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird.

 

Wie die Gründer des Verein Seefahrt ist die Persönlichkeit selbst ein Mann der Maritimen Wirtschaft und im Spirit ein direkter Nachfahre der Gründer. Seine berufliche Laufbahn begann in einem Bankhaus, von dort aus folgte er seinem Chef in die Reederei, um dort selbst schnell Karriere zu machen.

 

Kennengelernt haben wir uns zu Beginn meiner beruflichen Karriere. Ich war Lehrling und er war einer der Chefs. Alte Schule, oder “Altes Talent” wie er mal von sich selbst gesagt hat und allseits geschätzt und respektiert. Blitzschnell im Denken und messerscharf im formulieren. Wer sich mit ihm messen wollte, musste sich gut vorbereiten und in der Lage sein, schnell zu parieren. Und so ist er heute immer noch.

 

Gleich zu Beginn meiner Lehrzeit 1982 haben wir uns getroffen, ich durfte zu Ihm ins Vorstandszimmer kommen. Ich erinnere mich noch genau. An der Wand des Büros hing eine lange Tapete aus Millimeterpapier. Dort wurden jeden Tag die US-Dollar Kurse eingetragen. Personal Computer gab es damals noch nicht und so verschaffte sich der Finanzchef eben den Überblick, behielt die Entwicklung genau im Auge.

 

Bei unserem ersten Treffen in seinem Büro hatte er mich im Auge und stellte Fragen, viele Fragen. Es ging ums Segeln. Genauer um das Crewing auf seiner Yacht. Damals schon eine Swan. Die Crew bestand zu einem nicht unerheblichen Teil aus segelnden Mitarbeitern, auch Alsterpiraten wie Matthias Frenzel. Der war schon ein Jahr weiter in der Lehre und hatte den Kontakt hergestellt.

 

Wir kamen schnell überein, dass ich bei ihm an Bord mitsegeln würde. Auf Swans kannte ich mich ganz gut aus, weil ich diese schon öfter gesegelt hatte. Außerdem bin ich über den NRV selbst zum Verein Seefahrt gekommen und habe auf der „Störtebeker“ und der „Hamburg“ die eine oder andere NRV-Herbsttour und Regatten gesegelt. Und in der Zeit ist der Verein Seefahrt im Vergleich zu heute noch ein “recht überschaubarer” Verein gewesen.

 

Als Skipper war er ein Mann der “Alten Schule”, es gab klare Ansagen und kräftige Worte. Es wurde gesagt, was gerade gedacht wurde. Das war dem einen oder anderen vielleicht zu viel.

 

Wir haben uns alle Mühe gegeben und ich habe dann noch ein paar gute Segler aus dem NRV dazu geholt und dann haben wir die gute Swan gesegelt wie Freibeuter. Mit dem Messer zwischen den Zähnen. Der Skipper musste dann auch mal das Ruder abgeben, was er ungern tat. Insbesondere, weil wir dann besonders hart segelten und auf der Zielkreuz so knapp segelten, dass er dann vor Schreck den Halt auf der Treppe im Niedergang verloren hat. Aber wir wollten die Wettfahrt gewinnen und das haben wir dann auch getan. Wiederholt haben wir das allerdings nicht mehr.

 

Gemeinsam mit seinen Freunden Peter Gast, Pieter Mützelfeldtund einigen anderen Schifffahrtsleuten wurde in fröhlicher Runde die Idee einer Schifffahrtsregatta geboren. 1983 bei der 2. Schifffahrtsregatta habe ich dann an Bord das Vorschiff gemacht. Damals war die noch klein. So um die 12 Yachten. Heute kann man sich die Schifffahrtsregatta mit über 125Yachten aus dem Regattakalender des NRV nicht mehr wegdenken. So haben wir dann ein paar Jahre zusammen gesegelt. Später, in den 1990er haben wir uns dann im Club getroffen oder bei gemeinsamen Freunden und Bekannten. Da ich viel mit der Schifffahrt zu tun hatte, hatten wir auch immer genug Gesprächsstoff.

 

Unsere Persönlichkeit war und ist auch heute noch eine prägende Figur des Verein Seefahrt und über Jahrzehnte hinweg eines seiner einflussreichsten Mitglieder. Zunächst vertrat er seit 1964 seine Reederei, die Gründungsmitglied des Verein Seefahrt gewesen ist, auf den jährlichen Mitgliederversammlungen. Im Jahr 1970 wurde er zumSchatzmeister gewählt, von 1976 bis 1997 war er Vorsitzender des Verein Seefahrt. Sein Stellvertreter war Oskar v. Holzapfel, Schatzmeister war damals Max Warburg, weitere Vorstände waren Manfred Engelschall, Peter O. Grau, Uwe Ernst. Sein Vorgänger, Wolfgang Rittmeister, wurde Ehrenvorsitzender. Ein Jahr später traten Albert Büll und Felix Scheder-Bieschin in den Vorstand ein. Und in dieser Konstellation arbeitete der HVS-Vorstand über viele Jahre sehr erfolgreich zusammen. Eigentlich kein Wunder, bei so einem “Dream-Team”. Übrigens alle hoch angesehene Mitglieder des NRV.

 

Er fungierte als Mentor für Generationen von Nachwuchsseglern. Unter seiner Ägide wurde sichergestellt, dass junge Crews die Möglichkeit bekamen, auf vereinseigenen Yachten (wie den verschiedenen Generationen der „Haspa Hamburg“, der „Störtebeker“ und der „Ortac“) an internationalen Regatten teilzunehmen. Dank seines exzellenten Netzwerks mit vielen finanzstarken Kontakten, die überwiegend auch aus dem NRV kamen, oder dem Verein sonst wie verbunden waren, ist es Ihm immer wieder gelungen, die erforderlichen Gelder zu beschaffen.

 

Was dabei auffällt, ist dass der Vorsitzende selbst kein Blauwasser Segler gewesen ist. Zwar segelte er von Kindesbeinen an auf seinen eigenen Yachten – vom 6.5er bis zur Swan 46 – und nahm erfolgreich an Regatten in Nord- und Ostsee teil. Die raue Seemannschaft hatte er unter Kriegsbedingungen als Seekadett 1944 an Bord des Flottentorpedobootes T24 in der Biskaya kennengelernt. Es waren vermutlich also schon damals seine fachliche Kompetenz und sein Charisma, das Gerd Trulsen als Vorsitzenden dieses Powergremiums qualifiziert haben.

 

In dieser Funktion war er maßgeblich für die strategische Ausrichtung des Verein Seefahrt verantwortlich. Er bewahrte die Tradition des Vereins, den Hochseesegelsport zu fördern, während er gleichzeitig die Modernisierung der Flotte vorantrieb. Durch seine Vernetzung und seine ruhige,hanseatische Art vertrat er den Verein Seefahrt und die Segelstadt Hamburg auf internationalem Parkett. Dabei war er alles andere als untätig. In den ersten 100 Jahren seines Bestehens haben die Yachten des Verein Seefahrt 46-malerfolgreich Ozeane überquert, bei Regatten oder Überführungen, davon allein 22-mal während seiner Amtszeit als Vorsitzender.

 

Er hielt engen Kontakt zu anderen traditionsreichen Segelclubs weltweit und festigte den Ruf des Verein Seefahrt als eine der führenden Institutionen für das Blauwassersegeln in Deutschland.

 

Der Hamburgische Verein Seefahrt ist mit der Stadt Hamburgund ihren Institutionen eng verbunden. Das sieht man auch an den Persönlichkeiten, die sich seit je her für den Verein Seefahrt engagieren. Das kann man aber auch nachlesen, z.B.in der Rede des damaligen Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose anlässlich des 75. Jubiläums des Verein Seefahrt, welches in die Amtszeit von Gerd Trulsen als Vorsitzender fiel. Neben vielen anderen wichtigen Aspekten brachte es Klose auf den Punkt, welche wichtige Rolle der Sport für die Stadt Hamburg spielt. Dabei geht es gar nicht immer um den Sieg, sondern um die Summe der Leistungen aller Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Der Sportstadt Hamburg. Den Verein Seefahrtbezeichnete Klose als eine besonders erfolgreiche Hamburg-Werbung, weil die Schiffe des Vereins mit privaten Mitteln finanziert werden und damals bereits seit 75 Jahren an Bord jugendliche zum Hochsee-Segeln ausgebildet wurden. Und weil der Verein Seefahrt mit seinen Yachten “Hamburg” und “Störtebeker” nicht nur international auf Regatten erfolgreich sei, sondern dies vor allem mit jungen Crews, die sich ohne die Förderung des Vereins den Segelsport in dieser Form nicht leisten könnten. Und dazu kommt, dass der Verein neben der sportlichen Segelausbildung auch noch charakterbildendeWerte vermittelt.

 

Der Verein Seefahrt ist somit seit knapp 125 Jahren eine“Chance für alle”, also genau das Motto mit dem sich heute Hamburg wieder als Austragungsort der Olympischen Spiele bewirbt.

 

Wir wissen, dass Hochsee-Yachten teuer sind, und das sind sie schon immer gewesen. Umso bemerkenswerter ist es, dass der Verein Seefahrt mit seinen Yachten nach fast 125 Jahren immer noch international erfolgreich ist und weder “an denKlippen der Zeit gescheitert”, noch “auf der Sandbank der exzessiven Vereinsmeierei“ gestrandet ist, wie Klose es seinerzeit so passend formulierte. Und genau das ist ein großerVerdienst des Vorstands, dem Gerd Trulsen über 21 Jahre vorsaß, und seit 1977 auch heute noch, in seinem 100. Lebensjahr als Ehrenvorsitzender dient. Und zwar so, dass er jedes Protokoll genau liest und kritische Punkte hinterfragt.

 

Gerd Trulsen war es auch, der in seiner Weitsicht schon in den späten 1980er Jahren den HVS für andere namhafte Vereine geöffnet hat. Durch die gezielte Werbung von neuen Mitgliedern ist es dann gelungen, den HVS breiter aufzustellen. Schon damals war klar, dass gezieltes Wachstum ein wesentlicher Bestandteil der Zukunftssicherung des HVS ist. Und so kam es dann auch, dass unter seiner Ägide Frauen an Bord zugelassen wurden. Ohne solch eine strategische Weichenstellung würden wir heute wahrscheinlich anders dastehen.

 

Kritische Punkte erkennen, Lösungsvorschläge entwickeln, mit Weitsicht und sparsamer Mittelverwendung die Zukunft zu gestalten und andere Menschen, insbesondere die Unterstützer und Mäzene für die neuen Ideen zu begeistern – oder in die Verantwortung zu nehmen – all diese Dinge zeichnen Gerd Trulsen aus.

 

Nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand des Verein Seefahrt, nutzte er die Gelegenheit die Geschichte des Vereins in einer Chronik zu dokumentieren. Ein wunderbares Werk, in dem viel mehr als nur viel Arbeit steckt. Und kaum jemand ist mit dem Verein Seefahrt so eng verbunden, wie Gerd Trulsen.Kein anderer in der Geschichte dieses Vereins gehört seit 56Jahren dem Vorstand an und hat in vergleichbarer Form dievorausschauende Entwicklung der Hochsee-Segelausbildung auf den Schiffen des Verein Seefahrt gesteuert.

 

In dem rund 200 Seiten umfassenden Bildband sortierte er die guten und die stürmischen Zeiten des Verein Seefahrt auf. Das Buch erschien dann 2003 zum 100. Jubiläum des Verein Seefahrt, dass unter der Leitung von Gerd Trulsens Nachfolger Felix Scheder-Bieschin genau hier an diesem Ort gefeiert wurde. Damit schließt sich in gewisser Weise der Kreis.

 

Auch im dann folgenden “Privatleben” blieb Gerd der Segeleitreu. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Lieselotte, in späteren Jahren mit seiner Partnerin Frau Elsbeth Lampe, segelte er überwiegend mit seinen eigenen Yachten „Auriga“ auf der Ostsee. Im Alter von 95 Jahren schaffte er sich eine kleinere 33 Fuß Yacht an. In einem Interview in der Yacht wurde kritisch der Erwerb hochwertiger 3DI Segel hinterfragt. Darauf antwortet Gerd, dass diese Segel ja schließlich noch 10 Jahre halten müssten. Wie recht er doch hatte! Jetzt hat er die Yacht wieder gegen eine größere 38 Fuß Yacht getauscht, denn diese hat eine richtige Eignerkabine im Vorschiff. Das, meine Damen und Herren, ist der Spirit, von dem wir uns alle mal eine anständige Scheibe abschneiden sollten!

 

Lieber Gerd, ich glaube uns allen ist spätestens jetzt klar geworden, weshalb Du diese Auszeichnung für Dein Lebenswerk mehr als verdient hast.

 

Enden möchte ich aber mit einem Zitat unsers lieben Schotti:

 

Gerd ist für mich der absolute Erfolg durch Schweigen und Handeln. Und alles nur mit legendären MiniNotizbuch und kleinem Bleistift für große Summen!

 

Herzlichen Glückwunsch!